Es wurde ja schon gefragt: Quo vadis Wikipedia?

Was ist das Leitbild?

Will die Wikipedia mit der alterwürdigen Encyclopedia Britannica oder dem Brockhaus konkurieren? Oder will sie dem Nutzer nützlich sein?

Buhlt sie um die Anerkennung durch das Establishment oder geht es wirklich um das Verfügbarmachen von Weltwissen?

Ich denke eines der aktuellen Probleme der Wikipedia ist die Spannung zwischen den Zielen die die Wikipedia-Elite hat und dem was der gemeine Netzbürger von der Wikipedia erwartet.

Die deutsche Wikipedia geriert sich dabei wie eine Publikation auf totem Baum. Sie vergibt die Chances eines dynamischen Mediums. Die Wikipedia will das Wissen der Menschheit sammeln. Maßt sich dabei aber an, zu entscheiden, was am Ende für den Leser relevant ist.

Alleine schon der vielpropagierte Neutral-Point-of-View ist meines Erachtens totalitär. Er suggeriert, dass es die eine Wahrheit gäbe. Er behauptet Menschen könnten objektiv sein.

Alleine die jetzt laufende Diskussion zeigt, dass wir am Ende doch alle Subjekte mit eigenem Weltbild und Zielen sind und dies dann eben auch Einfluss darauf hat, was wir für relevant und objektiv halten.

Der sich entspinnende Konflikt ist zum Teil wohl auch ein Problem der zugrundeliegenden Software, sie lässt nur eine lineare Historie zu. Technologisch ist die Wikipedia also auf dem Stand einer Text-Datei.

Ein Wiki, welches mehrere Artikelversionen parallel verwalten könnte, würde die aktuellen Probleme schon einmal drastisch entschärfen. Dann könnte man nämlich auch ernsthaft über verschiedene Artikelversionen diskutieren.

Am Ende könnte doch jeder selber entscheiden, welchen Realitätsfilter er sich aufsetzen will. Was man für relevant und wahr hält. Dann gibt es halt http://de.wikipedia.org/wiki/Netzsperren?branch=fefe :)

Obendrauf gäbe es dann eine offizielle Ausgabe der Wikipedia, die es ja auch schon jetzt in Form der gesichteten Artikel gibt. All das wäre möglich, aber die Wikipedia verharrt lieber im Web-0.9.

Ein weiteres Problem ist die Intransparenz von Entscheidungswegen in der Wikipedia. In den diversen Löschdiskussionen der letzten Tage wurde ja auch offensiv darauf hingewiesen, dass die Wikipedia nicht mal den Anspruch hat demokratisch zu sein. Am Ende ist es ein, halbwegs anonymer, Admin, der entscheidet einen Artikel zu löschen oder nicht, auch diese Intransparenz sollte technologisch lösbar sein.

Ich wurde angegriffen, weil ich die Relevanz der Wikipedia als schwindend bezeichnet habe. Ich sehe es aber wirklich so. Spricht noch irgendjemand von Altavista? [1Google hatte einfach den besseren Relevanz-Algorithmus(Page-Ranking) und hat damit Altavista entbehrlich gemacht.

Die Wikipedia ist am Ende genau so relevant, wie sie nützlich ist. Fefe hat das sehr gut verdeutlicht mit dem Beispiel egcs.

Die Inhalte der Wikipedia stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation (GNU FDL) und der CC-BY-SA 3.0 unported. Auch wenn einige Wikipedia-Admins gerne von Lizenz-Verletzungen reden, wenn Leute Artikel übernehmen, kann doch niemand verhindern, dass jemand einen Fork der Wikipedia mir der korrekten Lizenz unternimmt.

Das wäre auch ein interessantes technologisches Experiment. Besonders das Merging konkurierender Versionsänderungen (mit z.B. Wikipedia als Upstream) wäre spannend.

Ehrlich gesagt, sind wir schon viel zu abhängig von zentralen Strukturen wie auch die Wikipedia eine ist. Diese exklusive Stellung der Wikipedia, dieses Gefühl der Unentbehrlichkeit, führt wahrscheinlich auch zu den Auswüchsen, die wir gerade sehen.

Die Frage ist, ob das wirklich nötig ist

Also Wikipedia: Wo willst Du hin?

[1] (für die, die etwas später zugeschaltet haben: Das war mal DER Marktführer bei Suchmaschinen).

16 Responses to “Wikipedia: Wo willst Du hin?”

  1. echox Says:

    Natuerlich ist ein Fork mit der richtigen Lizenz moeglich, siehe: http://en.citizendium.org/wiki/Welcome_to_Citizendium

  2. Geralt Says:

    Alleine schon der vielpropagierte Neutral-Point-of-View ist meines Erachtens totalitär. Er suggeriert, dass es die eine Wahrheit gäbe. Er behauptet Menschen könnten objektiv sein.

    Ich habe diesen Anspruch eher so verstanden, daß bei divergierenden Ansichten zu einem Thema alle gleichermaßen beleuchtet werden sollen. Der Ansatz ist IMHO auch der richtige. Es heißt ja „neutral“, nicht „objektiv“.

    Im übrigen schließe ich mich dem an, was viele im Verlauf der Diskussion schon geäußert haben: Die deutsche Wikipedia nutze ich schon länger nur im Notfall. Die englische ist wirklich das, was die Wikipedia mal werden wollte – eine umfassende Sammlung von Wissen und Informationen.

    Gruß, Geralt.

  3. Dr. Lob Says:

    Der berühmte „Neutral Point of View“ ist eine Grundprinzipen die von Jimbo Wales bei Gründung der Wikipedia festgesetzt wurden: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Grundprinzipien

    Wer das natürlich erst jetzt merkt, nach über 8 Jahren Wikipedia, hat Wikipedia nicht verstanden.

    Ja, ich freue mich auf einen Wikipedia-Fork.

  4. Kurt Jansson Says:

    Bitter, dass Du solchen Unsinn zum Prinzip des Neutralen Standpunkts schreibst, obwohl Du Zeit genug hattest, Dich zu informieren.

    Die entsprechende Richtlinienseite findest Du hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Neutraler_Standpunkt

    Du schreibst weiterhin: „Der sich entspinnende Konflikt ist zum Teil wohl auch ein Problem der zugrundeliegenden Software, sie lässt nur eine lineare Historie zu.“

    Das mit der linearen Historie ist richtig und ich stimme Dir zu, dass das „Merging konkurierender Versionsänderungen [...] spannend [wäre]„. Tatsächlich wurde darüber in den Anfangstagen des Projekts auch diskutiert, nur: Ein Enzyklopädieartikel ist kein Quellcode. Merging von Texten erfordert viel Handarbeit und ist fehleranfällig. Zu vertreten wäre dieser Aufwand wenn, dann nur unter dem Aspekt der Qualitätssicherung, ganz sicher jedoch nicht, damit sich in der Wikipedia jeder seine eigene kleine Welt zurechtbasteln kann.

    • cb064 Says:

      Beim NPOV mag es eine gewisse Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit geben.

      Heutzutage wird das ja anscheinend ganz großzügig mit dem Stichwort Relevanz abgebügelt. So werden dann auch Schlüsselpunkte aus dem Protest gegen Internetsperren aus dem Artikel dazu gelöscht (siehe Sperrwache vom 17.4.)

      Christian

    • cb064 Says:

      Bezüglich des Merging:

      Es ist eben doch Quellcode!

      .. Mediawiki-Markup
      .. da brauchts dann eben auch ein wdiff und ein wpatch

      viele Grüße
      Christian

  5. Patrick Willam Says:

    Meines Erachtens der mit Abstand beste Beitrag zu diesem Thema.
    Danke Christian!

  6. Gast Says:

    >Die Wikipedia will das Wissen der Menschheit sammeln. Maßt sich dabei >aber an, zu entscheiden, was am Ende für den Leser relevant ist.

    Genau dieser Punkt ist seit Jahren ein Streitthema in der WP. Irgendwo muss man einfach eine Grenze ziehen, was rein darf und was nicht. Oder wen interessiert es wirklich, wann ich das letzte mal am Klo war? Oder wann der Bauer sein Obst am Hof verkauft. „Bauer Horst ist ein Bauer in [ORT] und er verkauft am Freitag zwisch 8 und 12 sein Obst am Hof.“

    Es werden täglich massenhaft solcher Artikel angelegt. Wenn die drin bleiben würden, dann CU Wikipedia.

    Wer sollte dann außerdem für die zig zusätzlichen Server aufkommen? Auch Speicherplatz ist nicht kostenlos.

    Zu Fefe nur soviel: Das einzige was der da abzieht, ist eine Hetzkampagne gegen die WP. Keine Ahnung vom Thema aber über alles lustig und schlecht machen.

  7. Kand.in.Sky Says:

    Leute, ich weiss ehrlich gesagt nicht was diese Rumdiskutiererei soll. Es gibt *keinen* Konsens bei Informationsvernichtung.

    #k.

  8. Ergöl Notz Says:

    versteh ich jezt nicht, es gibt doch eine Änderungsverfolgung in der Wikipedia? Oder möchtest Du wirklich verschiedene Versionen eines Artikels gleichwertig nebeneinander? Dann am besten mit Beurteilungs-Skala von left nach right oder so.
    Wichtiger aber ist; die Admins müssen aus der Anonymität treten – es muss transparent werden, wer da was macht um Interessenkonflikte aufzudecken. Wenn der Prof in der Uni was schreibt und der Mann aus der Werbeagentur das korrigiert, weiss man das besser einzuschätzen.

  9. marvin Says:

    Könnte sich nicht jemand von den schlauen Hackern hinsetzen und eine dezentrale Wikipedia 2.0 zusammenscripten? Auf der technologischen Basis eines modernen dezentralen Versionkontrollsystems?

    Also das was Git für SVN war für’s MediaWiki erzaubern…

  10. Torsten Says:

    Wer sagt gesagt, dass die Wikipedia einen demokratischen Anspruch hat?


  11. [...] zweites vorneweg, ich habe das schon in dem Artikel hier geschrieben, möchte es aber nochmals wiederholen: „Ich denke eines der aktuellen Probleme [...]

  12. Sally Says:

    Ein sehr interessanter Beitrag zum thema Zensur bei Wikipedia ist hier zu finden. offenbar gibt es jetzt aber eine neue Enzyklopädie: http://netbarry.com/zensur-bei-wikipedia-wikibay-schlaegt-zurueck-2009522

  13. tietgen Says:

    Exzellenter Artikel. Irgendwie habe ich es noch so ziemlich nie geschafft, etwas in Wikipedia einzubringen, weil immer jemand nach der Relevanz fragte.


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